Wenn nachts die Säure rauscht

Home
|
Industrieservice
|
Wenn nachts die Säure rauscht

Wenn nachts die Säure rauscht

Lobbe säubert überdimensionalen „Tauchsieder“ mit chemischer Industriereinigung

Leuna. Hell erleuchtet ragt die ausgebaute Kesselschlange des Abhitzewärmetauschers der modernen Methanolanlage der TOTAL Raffinerie Leuna fünf Meter hoch in den Nachthimmel. Ihre gewundenen Rohrschlangen erinnern an einen überdimensionalen Tauchsieder. Die Ablagerungen im Inneren der Rohleitungen entfernt Lobbe mittels chemischer Industriereinigung.

TOTAL stellt aus Rohöl eine Vielzahl von Kraftstoffen her. Die Raffinerie – „TRM“ (Total Raffinerie Mitteldeutschland GmbH) – zählt zu den modernsten weltweit. Erzeugt wird in Leuna aber auch Methanol, das unter anderem als Lösungsmittel für Harze und Farbstoffe verwendet wird und ein unverzichtbarer Grundstoff für die chemische Industrie ist. Als Vorstufe zur Methanolsynthese wird bei Temperaturen von ca. 1300°C Rohgas aus Vakuum-Visbreaker-Rückstand (VVR) gewonnen. Über Wärmetauscher erfolgt die notwendige Abkühlung des Rohgases. Die dabei abgeleitete Wärme erzeugt dabei Dampf, der innerbetrieblich genutzt wird. Durch Ablagerung der im Rohgas enthaltenen Partikel und Metalle in der Kesselschlange sinkt die Effizienz der Anlage kontinuierlich. In der Folge wird das Rohgas nicht mehr im erforderlichen Maße abgekühlt. Entsprechend fehlt die Hitze für die Dampferzeugung, die Produktivität der Anlage sinkt.

Die Parameter, wann der Wirkungsgrad unter die Wirtschaftlichkeitsgrenzen fällt, sind von TOTAL eindeutig definiert. So war im Februar 2020 ein Intervention fällig: Die Kesselschlange eines der Wärmetauscher (fachlich: „Abhitzewärmetauscher“) musste chemisch gereinigt werden. Die angewendeten Verfahren bei der chemischen Industriereinigung sind hochspezifisch. Bei TOTAL war die Konfiguration werksseitig bis ins letzte Detail vorgeschrieben: externe Pumpstation mit geschlossenem Mischbehälter und Hochleistungs-Gaswäscher. Dieser wäscht den Schwefelwasserstoff aus der Atmosphäre, der beim Lösen der Rückstände aus Kohlenstoff- und Schwefelverbindungen entsteht. Der Mischbehälter war überdies als Abscheider ausgelegt. So konnten die gelösten Feststoffe aus dem Reinigungskreislauf entfernt werden. Das gesamte Equipment musste aus Sicherheitsgründen in einer mobilen Auffangwanne stehen. Lobbe bietet diese Dienstleistung seit vielen Jahren an. Durch die Technik, die Erfahrung und das Know-how ist Lobbe im Sektor der chemischen Industriereinigung führend und deckt diese Marktnische sehr erfolgreich ab.

Halbstündlich mussten alle Parameter des Reinigungsprozesses im mobilen Labor vor Ort kontrolliert werden. Während der dreitägigen Aktion waren die Lobbe-Mitarbeiter rund um die Uhr im Schichtbetrieb im Einsatz. Als alle Analysenwerte im vorgegebenen Bereich lagen, war das Ziel erreicht. Jetzt konnte die Anlage wieder in Betrieb genommen und effektiv gefahren werden. Auch im Sinne der Umwelt übrigens: Denn was TOTAL, aber auch andere Raffinerien im Rahmen ihrer Produktionsprozesse an Stoffen noch verwerten, ist nichts Anderes als Ressourcenschutz. Gut fürs Klima, gut für die Umwelt insgesamt.

Infokasten: Komponenten der chemischen Industriereinigung

Zu der mobilen chemischen Reinigungsanlage zählen einige Grundkomponenten, die optional um andere Elemente erweitert werden können. Der Behälter für die Reinigungslösung, die Pumpe und die Verteilerbalken für die Schläuche befinden sich stets in einer speziell beschichteten Mulde. Vom Verteilerbalken aus kann über mehrere Schläuche die Reinigungslösung in den jeweiligen Behälter, den Apparat, den Wärmetauscher oder das Rohr eingeleitet und nach Durchlauf wieder per Schlauch zur Reinigungslösung zurückgeführt werden. In zeitlich engen Abständen werden im mobilen Labor von Lobbe die für die jeweilige Reinigung erforderlichen Parameter (Säurekonzentrationen, Metallkonzentrationen, pH-Werte, Brechungsindizes, Leitfähigkeiten usw.) aus bzw. von der Reinigungslösung geprüft und so der Behandlungsfortschritt beurteilt. Die bereits verbrauchte Reinigungslösung wird in dafür geeigneten Behältern aufgefangen, ggf. vor Ort vorbehandelt und fachgerecht entsorgt. Bei der Reinigung von größeren Behältern oder Tanks können ein oder mehrere Chemikalien-Tankwaschköpfe zum Einsatz kommen, um die eingesetzte Chemikalienmenge zu minimieren und eine Befahrung der Behälter zu vermeiden. Ist eine bestimmte Reaktionstemperatur für die Arbeiten erforderlich, kann ein Wärmetauscher eingesetzt werden, um die Lösung auf die gewünschte Temperatur zu bringen. Werden bei der chemischen Industriereinigung gasförmige Schadstoffe freigesetzt, werden diese über Hochleistungsgaswäscher aus der entstehenden Abluft ausgewaschen. Für ölhaltige Produktreste oder Feststoffe können speziell als Abscheider ausgebildete Vorlagebehälter eingesetzt werden, um die ausgetragenen Verschmutzungen nicht wieder in den Reinigungskreislauf einzutragen.

Hintergrundinfos: Chemische Industriereinigung

Die chemische Industriereinigung basiert auf dem Prinzip, Teile einer Produktionsanlage oder komplette Produktionsanlagen mit einer exakt auf die Verschmutzung angepassten Reinigungslösung zu reinigen. Wärmetauscher, Tanks, Kessel, Rohrleitungssysteme, Kolonnen oder gesamte Produktionsanlagen können mit chemischer Industriereinigung wieder einsatzfähig gemacht werden. Diese Dienstleistung umfasst eine Reihe unterschiedlichster Aufgaben:

Die Oberflächenbehandlung

  • Beizung von Edelstählen, C-Stahl sowie Sonderlegierungen (Kupfer, Nickel, Aluminium usw.)
  • Passivierung für die Herstellung korrosionsbeständiger Oberflächen bei Edelstählen, C-Stahl, Sonderlegierungen

Die Belagsentfernungen

  • anorganische Anhaftungen und Beläge wie Metalloxide (Kupfer, Nickel, Chrom, Arsen, Cadmium usw.), Metallsulfide (Eisen, Nickel usw.), Karbonate und andere Härtebildner
  • organischen Anhaftungen und Beläge wie Öle, Fette, Teere und Vakuumrückstände

Die Spezialanwendungen

  • Heißpassivierung von Butadien führenden Systemen vor Inbetriebnahme und nach Anlagenöffnung
  • Dekontamination und Spülung von Anlagen zur Vorbereitung der Außerbetriebnahme und Anlagenöffnung, inkl. Abgasbehandlung mittels Gaswäscher
  • Vorbehandlung von Anlagen im Rahmen der Erstinbetriebnahme
  • Einsatz von Niederdrucktankwaschköpfen zur Vermeidung von Anlageneinstiegen und Reduzierung von Behandlungschemikalien

Zur Abdeckung aller Anwendungsgebiete arbeitet Lobbe mit mobilem Equipment, dass flexibel an die konkreten Anforderungen vor Ort anpassbar ist – bis hin zum Einsatz externer Wärmetauscher zum Erwärmen der Reinigungslösungen und umgehend nach Abschluss der Arbeiten aus dem Arbeitsbereich entfernt werden kann.

Klassische Reinigungsverfahren im Industrieservicebereich (Bspw. die Wasserhochdruckreinigung) gehen oft mit einen hohen Aufwand an Vor- und Nachbereitung, Demontage- und Montageleistungen einher. Gerade bei komplexen Anlagensystemen bietet die chemische Industriereinigung einen entscheidenden Vorteil: Anlagenteile müssen nicht zwingend demontiert werden. Ohne aufwändige Demontage- bzw. Montagearbeiten sind die Anlagen wieder schnell verfügbar, Stillstandszeiten werden auf ein Minimum reduziert.Durch einen geschlossenen Kreislauf aus Reinigungslösung und Produktresten kann eine Freisetzung von gasförmigen oder flüssigen Schadstoffen nahezu komplett vermieden werden. Sollten gasförmige Schadstoffe entstehen, werden diese direkt aus dem Kreislauf abgesaugt und mittels Hochleistungsgaswäscher aus dem Abluftstrom gereinigt.

Gerade bei Anlagendekontaminationen vor Öffnung der Anlagen oder produktspezifische Belagsentfernungen ist es wichtig, eine optimal auf die Problemstellung angepasste Reinigungslösung einzusetzen. Vor Beginn der eigentlichen Arbeiten entnimmt das erfahrene Lobbe-Team Proben. Im Lobbe-eigenen Labor werden verschiedene chemische Ansätze auf ihre Wirksamkeit getestet. So beginnt die Problemlösung schon lange vor dem Einsatz vor Ort – im Labor. Erst wenn die passende chemische Zusammensetzung der Reinigungslösung gefunden ist, wird mit dem Aufbau der mobilen Anlage begonnen.

Zum mobilen Equipment zählt auch das mobile Labor zur Erfolgskontrolle. So werden vor Ort alle Parameter kontrolliert, die eine Beurteilung des Reinigungsfortschrittes ermöglichen.In zeitlich engen Abständen wird die Wirksamkeit der Reinigungslösung kontrolliert. Sind alle wichtigen Verfahrensparameter im vorgegebenen Zielbereich, ist der Reinigungsprozess abgeschlossen. Zum Schutz der Metalloberflächen von Rohrleitungen, Wärmetauscher oder Tanks werden bei abtragenden Reinigungsverfahren (Beizung) Inhibitoren der Reinigungslösung (Säure) zugesetzt. Die Wirksamkeit dieser Inhibitoren ist essentiell für ein sicheres und qualitätsgerechtes Arbeiten und wird ebenfalls durch Laborkontrollen vor Ort sichergestellt.

Ein spezielles Verfahren der chemische Industriereinigung bietet Lobbe für Anlagen an, in denen Butadien verarbeitet wird. Das Zwischenprodukt zur Kautschuksynthese reagiert bei Sauerstoffkontakt unkontrolliert zu so genanntem „Popcorn“. Dieses „wilde“ Polymer kann großflächig zur Beschädigung von Anlagenteilen führen. Zur Erstinbetriebnahme von Butadien führenden Anlagen, nach Anlagenöffnungen zu Stillständen oder anderen Reinigungsleistungen bei denen Sauerstoff in das System eindringt bzw. Korrosion (Rostbildung) nich tausgeschlossen werden kann, ist die Heiß-Passivierung das Verfahren der Wahl, um gegenüber der Popcornbildung inerte Materialoberflächen zu schaffen.

Über Lobbe

Lobbe ist ein mittelständisches, familiengeführtes Unternehmen im Bereich technische Dienstleistungen mit Sitz in Iserlohn. Das erfolgreiche Unternehmen umfasst die Bereiche Industrieservice und Abfallentsorgung. Bundesweit zählt Lobbe 2.700 Beschäftigte an 58 Standorten und hat derzeit 138 Auszubildende. Lobbe erwirtschaftet jährlich 360 Millionen Euro (Stand 2020).

Kontakt:

Lobbe Entsorgung West GmbH & Co KG/
Lobbe Industrieservice GmbH & Co KG
Sabine Günther
Public Relations
Stenglingser Weg 4 – 12
D-58642 Iserlohn

Tel.: +49 23 74 – 504 – 349
Fax: +49 23 74 – 504 – 353
sabine.guenther@lobbe.de
www.lobbe.de