ARTIKEL // PRESSE

Schädliche Substanzen in immer mehr Produkten - auch Asbest

K ö l n . Nicht alles, was aus der Natur kommt, muss auch gut sein. Asbest, über Jahrzehnte unter anderem wegen seiner Feuerfestigkeit beim Bauen verwendet, ist ein Beispiel dafür. Freigesetzte Asbestfasern, die über die Atemwege in die Lunge gelangen und dort bleiben, können Tumore auslösen. Über die Schadstoff-Problematik in Gebäuden haben wir mit Dr. Walter Dormagen vom TÜV Rheinland gesprochen. Der Wissenschaftler ist Experte für Schadstoffe, Mikrobiologie und Hygiene. Viele Gebäude, in denen Asbest verbaut wurde, sind in den vergangenen Jahren saniert worden. Das Marktvolumen für die noch anstehenen Asbestsanierungen in Gebäuden liegt nach zurückhaltenden Schätzungen bei einigen  Milliarden Euro.

?_Herr Dr. Dormagen, das Thema Schadstoffe läuft in der Öffentlichkeit ja meistens im Hintergrund. Der TÜV Rheinland müsste es wissen: Wie lange wird uns das Thema noch beschäftigen?

:_Lange ist immer relativ. Ich gehe davon aus, dass wir mit den großen Projekten in Deutschland so etwa bis 2020 - 2025 beschäftigt sind.

?_China ist mit über zwei Millionen Tonnen Asbestabbau und -verarbeitung führend, Kanada ist die Nummer zwei. Wer hat denn für Asbestprodukte überhaupt Verwendung?

:_Hauptverwender sind die Entwicklungsländer wie zum Beispiel Indien und China, in denen Asbest meist ohne geeigneten Arbeitsschutz verarbeitet wird. Aber sie werden es vielleicht nicht glauben: Das Gift kommt zurück, steckt beispielsweise in Dichtungen, Bremsbelägen oder Faserzementplatten, die aktuell auch bei uns im Internet angeboten werden. Kanada hat mittlerweile Verbote für den Einsatz  von Asbest im eigenen Land, exportiert aber fleißig.

?_ Aber auch bei uns in Deutschland gibt es ein Asbestverbot. Werden Importe aus Fernost und anderen Regionen denn nicht kontrolliert?

:_Offenbar nicht. Wir vom TÜV Rheinland stellen seit einigen Jahren fest, dass in immer mehr Produkten schädliche Substanzen gefunden werden. Eine bedenkliche Entwicklung nicht nur bei Baumaterialien. In Kinderspielzeug, unter anderem wieder aus China, hat der TÜV Rheinland verbotene Weichmacher in Kunststoffen gefunden.

?_ Asbest ist krebserregend, es kann bis zu  30 Jahre und länger dauern, bevor eine durch Asbest ausgelöste Krankheit ausbricht. Wie hoch ist denn die Sensibilität von Bauherren, Architekten und Sanierungsfirmen gegenüber Asbest?

:_Für den Umgang speziell mit Asbest gibt es eine Technische Regel Gefahrstoffe, kurz TRGS, mit der Nummer 519. Sie legt alles fest, was unter Arbeitschutz- und Umweltschutzgesichtspunkten zu berücksichtigen ist. Oftmals wird bei Sanierungsvorhaben der Fehler gemacht, das Thema zu unterschätzen, so etwa nach dem Motto: Wird schon gut gehen. Nicht immer haben am Bau Beteiligte die Schadstofffrage wirklich auf dem Bildschirm. Mal aus Unkenntnis, mal aber auch, um Geld zu sparen. Asbestsanierungen sind teuer, weil sie erheblichen Aufwand erfordern. Und das fängt schon beim Anlegen des Schadstoffkatasters, in welchen Bereichen sich Asbest und sonstige Schadstoffe befinden, an, setzt sich mit der Ausführungs-Planung fort und mündet dann in einem Gesamtkonzept, das alle Umbau-, Ausbau- oder Renovierungsarbeiten sowie die Schadstoffsanierung umfasst.

?_Sie meinen damit die Sanierung im laufenden Betrieb?

:_Ja, in erster Linie. Denn es gibt eine Vielzahl von Gebäuden, deren Bausubstanz prinzipiell so gut ist, dass sich Renovierungen und damit einhergehende Schadstoffsanierungen wirklich lohnen.

?_Wie findet der Bauherr, ungeachtet der Größe seines Projektes, denn nun einen qualifizierten Fachplaner, um sicher zu gehen, dass seine Schadstoffsanierung zu angemessenen Kosten und qualifiziert geplant wird?

:_Es gibt einen sehr aktiven Fachverband, den Fachverband Schadstoffsanierung, abgekürzt FAS.  Er kann dazu Auskunft geben. Auch der TÜV Rheinland hat langjährige Erfahrung und umfangreiche Kenntnisse bei der Planung und gutachterlichen Begleitung von Sanierungsmaßnahmen. Aber nicht nur die Sanierungsplanung ist wichtig, sondern auch die Auswahl der Sanierungsfirma.

?_Welche Kriterien müssen aus Ihrer Sicht bei den Sanierungsfirmen angelegt werden?

:_Hier zählen hauptsächlich die Referenzen. Wer sich schon Jahrzehnte lang mit dem Thema Schadstoffsanierung befasst und entsprechende Projektreferenzen nachweisen kann, bei dem darf man Know-how, Kompetenz und Zuverlässigkeit durchaus voraussetzen. Dennoch rate ich jedem Auftraggeber dringend, sich über die Firma, die er mit der Sanierung beauftragen will, eine zweite Meinung einzuholen.

?_ Am Markt agieren aber auch Firmen, die diesen Kriterien nicht gerecht werden und trotzdem Sanierungsaufträge erhalten, weil sie preislich weit unter den Angeboten der Fachfirmen liegen.

:_Heute ist eben gängige Praxis, dass bei der Auftragsvergabe für Schadstoffsanierungen letztendlich nur der Preis entscheidet. Ich halte diese Praxis in diesem Bereich für völlig unangebracht. Schadstoffsanierungen erfordern kontinuierliche Investitions-Notwendigkeiten bei den ausführenden Firmen. Das und die Einhaltung der bestehenden Anforderungen haben ihren Preis.

?_Wie sehen Sie den Einsatz von Subunternehmen bei Sanierungsprojekten?

:_Beim Einsatz von Nachunternehmen muss sichergestellt sein, dass die Eignung und geforderte Qualität gewährleistet ist. Dies ist aus unserer Erfahrung in der Praxis häufig nicht der Fall.

?_Abschließend noch ein Ausblick in die Zukunft: Wird es nach Asbest, PCB, PAK und künstlichen Mineralfasern, um klassische Gebäudeschadstoffe zu nennen, neue Problemstoffe geben, die bislang noch unentdeckt sind?

:_Aus der Erfahrung heraus lässt sich sagen, dass man sich niemals wirklich sicher sein kann, dass alle Baustoffe und sonstigen Produkte, die wir beim Bauen und Renovieren einsetzen, absolut unproblematisch sind. Selbst ein Naturstoff  wie Asbest hat sich im Nachhinein als krebserzeugend herausgestellt. Ich halte es für wahrscheinlich, dass eine ganze Reihe von Materialien, die wir heute als unbedenklich für den Menschen und seine Umwelt einstufen, in ein paar Jahren anders bewertet werden. Der Fortschritt lässt sich auch bei der gesundheitlichen Ursachenforschung glücklicherweise nicht aufhalten. Wir werden auch in den nächsten Jahren wieder neue Erkenntnisse dazugewinnen.

!_Vielleicht auch die Erkenntnis, dass der Preis nicht ausschlaggebende Größe bei der Auftragsvergabe sein darf und sollte. Herr Dr. Dormagen, wir danken für das Gespräch.

 

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